Frankfurt: Eine Geschichte der Pfadabhängigkeit

Es ist lustig, wie Frankfurt, das nach dem Zweiten Weltkrieg zum globalen Bankenzentrum Deutschlands wurde, diese Tatsache bereits im Namen trägt: die Furt, an der die Franken den Main (sic) überquerten, um mit den Römern Handel zu treiben. Dem Volk, das sie schließlich als dominierende europäische Macht verdrängen würden.

Das Überqueren eines Flusses, damals eher eines Haufens mäandrierender Bäche, verlangsamt einen, besonders wenn man mit Waren beladen ist. Außerdem kreuzt er mit einer anderen Handelsroute, dem Main selbst. Es macht also Sinn, in der Nähe einen Rastplatz anzubieten, an dem Reisende übernachten … und Handel treiben können.

Händler, die reisen und sich ausruhen, brauchen Schutz, ebenso wie andere, stationäre Mitglieder des Stammes. Es ist sinnvoll, einige Gasthäuser, den Anlegeplatz für Schiffe, die umliegenden Gebäude zu bündeln und den Bereich zu befestigen. Das könnte die Händler sogar dazu einladen, etwas länger zu bleiben.

Händler, die untereinander plaudern, merken schnell, dass ihnen viele lukrative Geschäfte entgehen, weil sie nicht zur gleichen Zeit in der(-selben) Stadt sind. Jemand hat die geniale Idee, alle Händler gleichzeitig zusammenzubringen und eine bevorstehende Messe bekannt zu machen.

Mehr Handel erfordert mehr Schutz, deshalb muss der einfache Zaun durch eine stabile Steinmauer ersetzt werden. Das kostet Geld, und der nahe gelegene Fürst – Macht, Schutz und Geld liegen nie weit auseinander – bietet als Gegenleistung für eine von den Händlern erhobene Mautgebühr seine Hilfe an.

Handel erfordert Vertrauen, und das stärkste Vertrauensnetz entlang der europäischen Handelsrouten bilden die Juden, ein Volk, das daran gehindert wird, viele andere Berufe auszuüben. Aber Vertrauen nach innen plus Reichtum sät Misstrauen nach außen. Die Gemüter erhitzen sich. Immer wieder.

Der Fürst, abhängig von Maut- und Steuereinnahmen, schwankt eingedenk des Volkszorns zwischen Schutz anbieten und Schutz entziehen. Schließlich werden die Juden in ihr eigenes Viertel, die Judengasse, verbannt. Ein Perimeter innerhalb eines Perimeters.

Ein Handelsnetzwerk, das die Hanse mit den reichen Städten der Langobarden verbindet, bringt Münzen und Bankbriefe unterschiedlichster Herkunft ein. Dies verlangsamt den Handel und führt zu Konflikten. Jemand, wahrscheinlich ein Händler, hat die geniale Idee, das Wechselkursrisiko zu übernehmen – gegen eine Gebühr.

Reichtum verleiht Macht, und Kaufleute und Würdenträger, die über die Einmischung lokaler Lehensherren und die hohen Pachtzinsen verärgert sind, drängen erfolgreich darauf, dass Frankfurt ein freie Reichsstadt wird, die allein dem deutschen Kaiser untersteht.

Reichtum verleiht auch eine gewisse Art von opportunistischer Weisheit, und Frankfurt beschließt klugerweise, während des Dreißigjährigen Krieges neutral zu bleiben. Diese kaufmännische Weisheit hilft Frankfurt auch, nach dem Fall des Heiligen Römischen Reiches Sitz des Bundestages zu werden.

Aber der Reichtum kann nicht verhindern, dass Frankfurt in in die aufstrebende Weltmacht Preußen mit seiner kriegerischen und aufstrebenden Hauptstadt Berlin, integriert wird. Eine Zeit lang spielt Frankfurt die zweite Geige.

Nachdem Preußen und Berlin über ihre eigene Kriegslust stolperen – und zwar zweimal – spielte Frankfurt bei der Wahl der provisorischen Hauptstadt Westdeutschlands ebenfalls die zweite Geige. Stattdessen konzentriert es sich auf das, was es am besten kann: die Finanz- und Verkehrsdrehscheibe des geteilten Landes zu sein.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, mit der Wiedereinsetzung Berlins als politisches Zentrum des wiedervereinigten Deutschlands, behält Frankfurt diese beiden wichtigen Rollen bei – zumindest solange, bis die Berliner lernen, wie man einen Flughafen baut.

Geographie ist wichtig. (Wirtschafts-)Geschichte aber auch.

Dieser Blog-Post wurde initial auf Medium veröffentlicht.

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